Zug des Lebens
First Person Account

Zug des Lebens

First Person Account
Issue
2024/03
DOI:
https://doi.org/10.4414/sanp.2024.1499290698
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2024;175(03):69

Affiliations
1 Name der Redaktion bekannt

Published on 06.02.2024

Ich wachse bei meiner Tante auf. Als ich sechs bin, nehme ich die 100 Lire, die ich von meinem geliebten Onkel bekommen habe und mache mich auf den Weg zum Lebensmittelladen im Dorf. Es ist ein süditalienisches Dorf in den 80er-Jahren, jeder kennt jeden.
Ich nehme die Münze aus der Hosentasche, während ich die Strasse entlanglaufe, und betrachte die römische Figur auf dem Geldstück in meiner Hand. Ich träume von den Dingen, die ich kaufen werde, als mir die Münze entgleitet und auf die Strasse rollt. Ohne zu zögern hechte ich hinterdrein, Bremsen quietschen, ein Schuh und eine Brille fliegen durch die Luft, ich liege am Boden, jemand beugt sich über mich. Die Besitzerin des Lebensmittelladens rennt hinzu, erkennt mich, hilft mir auf. Meine Tante wird gerufen, meine Tante kommt, nimmt mich in den Arm, begleitet mich nach Hause, setzt mich an den Tisch, kocht mir einen Tee und eine Bouillon. Als ich fertig gegessen habe, nimmt sie mich und meine Puppe und steckt uns in den Schrank, wo ich bis zum Abend ausharren muss. Hier wird meine Angst vor der Dunkelheit geboren. Und die Angst, zu vertrauen. Und das Gefühl, in der Not allein zu sein.
Es ist der geliebte Onkel, der in diesen Zeiten die Sonne in meinem Leben ist. Ich weiss, diese Sonne scheint auch nach den Schlägen und Beschimpfungen irgendwann wieder. Dann, wenn der Onkel nach Hause kommt, mich umarmt, mich vorne auf seine rote Vespa stellt und mit mir fortfährt. Zusammen besuchen wir seine Schwester oder manchmal auch meine Lehrerin, die mich als gute Schülerin lobt.
Mein Onkel ist auch das erste wichtige männliche Vorbild, an dem ich mich orientiere. Wir kleiden uns gleich: mit Kragenpullover und Herren-Strickpullover darüber. Ich beobachte, wie er sein Outfit sorgfältig von Kopf bis Fuss farblich abstimmt. Diese Liebe zum Detail wird auch mich ein Leben lang begleiten. 
Ich kehre als Achtjährige zu meinen Eltern in die Schweiz zurück. Meine Eltern heirateten, als meine Mutter früh mit mir schwanger wurde und sich sonst hätten trennen müssen. Die streng katholischen Elternhäuser schrieben dies vor. Doch meine Eltern arbeiteten beide und hatten keine Zeit für das Kind, das zu Onkel und Tante in den Süden geschickt wurde.
Zum Vater habe ich trotzdem eine enge Bindung. Er ist auch derjenige, der sich den strengen Regeln des sozialen Lebens zu widersetzen weiss. 
Mein neues Leben in der Schweiz stabilisiert sich gerade, als vier Jahre nach meiner Ankunft meine Zwillingsbrüder zur Welt kommen. Nicht nur stellen zwei kleine Kinder den Haushalt auf den Kopf, einer der beiden Brüder ist durch eine leichte Fehlbildung besonders pflegebedürftig. Ich fühle mich abermals zur Seite gedrängt.
Wieder ist es das männliche Vorbild, diesmal mein richtiger Vater, der mir Trost spendet und an dem ich mich grösstenteils orientiere. Auch in unserer Lust, zu rebellieren, sind wir beide uns ähnlich.
«Komm nicht später als 23:00 Uhr nach Hause», ordnet mein Vater an.
Ich komme immer nach 02:00 Uhr nachts. Einige Male rügt mein Vater mich, dann lässt er es bleiben. Die Mutter sagt oft zu mir «Du bist wie dein Vater», und das macht mich jedes Mal stolz. 
Bei den Katholiken ist heiraten und Kinder kriegen eine Pflicht. Ich weiss, dass ich meine Eltern nur glücklich machen kann, wenn ich in dieser Hinsicht den traditionellen Weg gehe. Doch noch träume ich von einer Karriere, am liebsten als Polizistin oder Sängerin.
Doch es kommt alles anders. Ich lerne den besten Kollegen meines Cousins kennen.
«Er ist eine gute Partie», sagen die Verwandten und Bekannten. Er ist diplomierter Koch und hat einen guten Job als Geschäftsführer einer Pasta-Fabrik. Meine Eltern kennen die Familie und sind sofort begeistert. Ich bringe es nicht über mich, sie zu enttäuschen und so kommt es, wie es kommen muss: Ich heirate ihn und ziehe wieder nach Italien. 
Eines Tages kommt mein Mann von der Arbeit, als ich gerade in der Küche stehe und das Abendessen vorbereite. Mein Mann schaut sich die vorbereiteten Entrecôtes im Teller an, die darauf warten, in die Pfanne zu kommen, und sagt: «Du hast die Entrecôtes nicht richtig gewürzt.»
Dann schnappt er sich ein Entrecôte und schmiert es mir ins Gesicht: «Jetzt ist es richtig gewürzt.» 
Ich bin schwanger mit dem ersten Kind, die täglichen Demütigungen hören nicht auf. Ich traue mich nicht, mich an jemanden in der Nachbarschaft zu wenden und mein Mann verbietet mir jeglichen Kontakt nach draussen. Das Telefon ist abgesperrt, damit ich meine Eltern nicht anrufen kann. Sieben lange Jahre werde ich keinen Kontakt zur Aussenwelt haben.
Eine intrigante Nachbarin erzählt meinem Mann, sie habe mich auf der Strasse mit jemandem reden sehen. Ich bin gerade vor dem Haus am Wischen, als mein Mann fuchsteufelswild auf mich zukommt und mich an den Haaren packt. Ich beteuere, ich hätte mit niemandem gesprochen. Das macht ihn noch wütender, er schleift mich – im vierten Monat schwanger – zur Kellertreppe und stösst mich hinunter. Meine Haare hat er immer noch in der Hand.
Ich bin verletzt, das Kind in mir überlebt, aber zum Arzt gehe ich nicht. Zur Polizei auch nicht, denn das ging jenes andere Mal schon nicht gut, als ich dort mit meinen blauen Flecken auftauchte und sie mir sagten, so was reiche nicht für eine Anzeige.
Der Frust und die Hilflosigkeit, die ich fühle, entladen sich in Aggressionen, die ich an meinem Kind, später meinen Kindern, auslasse.
Es dauert sieben Jahre – inzwischen habe ich auch meine Tochter bekommen, die nicht mit Liebe gezeugt worden ist – bis ich den Mut aufbringe, den Schlussstrich zu ziehen. Seit einigen Monaten habe ich in der Mutter eines Schulkameraden meines Sohnes eine Vertraute, die verspricht, uns zu helfen. Ich nehme endlich wieder Kontakt zu meinen Eltern auf, die mir allerdings die Anschuldigungen gegen meinen Ehemann erst nicht so recht glauben wollen.
Die Kollegin meldet mich im Frauenhaus an, ich packe meine Sachen, als mein Mann weg ist, schnappe die Kinder und flüchte. Nach einem Monat im Frauenhaus taucht mein Mann mit seinem Anwalt auf und holt die Kinder zu sich.
Schliesslich bringt mich mein Vater in einer Wohnung in einem anderen Dorf in Süditalien unter. Ich finde einen Job im Restaurant und informiere mich mithilfe von Sozialarbeiterin und Anwalt über meine Rechte und Möglichkeiten, um meine Kinder zu mir zu holen. Ich zeige meinen Mann an und verlange die Scheidung. So erreiche ich, dass ich die Kinder in den Ferien abholen darf, doch das Sorgerecht bleibt bei meinem Mann, der die richtigen Anwälte, das Geld und den Status auf seiner Seite hat. Mir ist das nicht genug und ich beschliesse, in die Schweiz zurückzugehen und von dort aus um das Sorgerecht meiner Kinder zu kämpfen. So beginnt ein anstrengendes Hin- und Herreisen zu Gerichtsterminen, was meinen neuen Job bei einem Supermarkt schwer belastet. Immerhin übergibt mir mein Vater, kaum bin ich zurück in der Schweiz, den Schlüssel zu einer eigenen Wohnung, die er für mich gemietet und liebevoll nach meinem Geschmack eingerichtet hat.
Nach fünf Jahren Sorgerechtskrieg dürfen die Kinder endlich endgültig zu mir in die Schweiz kommen. Sie sind sechzehn und vierzehneinhalb.
Doch wie geht man um mit der Schuld, seine Kinder verlassen zu haben? Wie erklärt man ihnen, dass es zu ihrem Besten sein sollte? Trotz aller Zweifel weiss ich, dass Weggehen die einzige Chance war, mich selbst – und schliesslich auch die Kinder, so hoffe ich – zu retten. Immerhin das zu retten, was zu retten ist. Dass einiges kaputt gegangen ist, ist mir auch klar. Und es holt uns alle ein. Einige Jahre später und nach langwieriger Therapie wird bei mir eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, mein Sohn, der ähnliche Symptome hat, sich aber nicht behandeln lassen will, distanziert sich komplett von mir und meine Tochter, die einst ein sehr enges Verhältnis zum Bruder hatte, zieht sich ebenfalls von ihm – und zeitweise auch von mir – zurück. Meine Borderline-Symptome werden als leicht eingestuft: impulsive Handlungen, schwankende und heftige Emotionen, ein schlechtes Selbstbild. Ich erreiche meinen Tiefpunkt, als ich versuche, dem Ganzen mit zwei Flaschen Alkohol und einer Schachtel Tabletten ein Ende zu setzen. Hundegebell und Geschrei alarmiert die Nachbarin, die in letzter Minute das Schlimmste verhindert.
 Es sind Dämonen, die mich noch lange verfolgen werden, und die ich nur in Schach halten kann wenn ich meinen Weg neu bestimme. Ich muss selber wieder stark werden, für mich und für meine Kinder. Es ist die Therapie, die mir hilft, aber die Kämpfe bleiben, mit meiner Umgebung, mit mir selbst. Lange Zeit brauchte es nur einen Vorfall und mein Körper wurde taub und ich landete wieder in der Klinik. Doch allmählich lerne ich mich besser kennen, gewinne das Selbstvertrauen, mich rechtzeitig aus heiklen Situationen zu entfernen. Aber es braucht Unmengen Energie, negative Erlebnisse zu verarbeiten, die Balance zu finden: bei Konflikten nicht überreagieren und die eigenen Bedürfnisse doch ausdrücken dürfen. Diesen Respekt versuche ich auch meinen Kindern entgegenzubringen. Ich gebe ihnen den Raum, den sie brauchen, um sich zu finden, auch wenn es weh tut. Meine Tochter kriegt ihr Leben in den Griff und nimmt neu Kontakt zu mir auf, diesmal auf erwachsener Ebene. Sie hat längst eine eigene Familie gegründet und lässt mich wieder an ihrem Leben teilhaben.
Und auch die Rebellin in mir ist noch da, nur verschüttet. Ich finde sie allmählich wieder, lasse sie aufleben, indem ich mir nichts mehr von irgendjemandem sagen lasse, egal, für wen sich derjenige hält. Ich stelle mich auf der Rolltreppe auf die linke Seite, obwohl man rechts stehen und links gehen soll. Ich halte mich nicht an links und rechts, mein Motto ist «Leben und leben lassen», und das erwarte ich auch von meinem Umfeld. Ich sage, was ich denke, auch wenn es nicht gern gehört wird. Die Angst soll nicht mehr den Verstand überrollen, das ist mein Ziel. Niemand soll mir mehr Angst machen. Und dazu muss ich mich selbst ändern, das weiss ich genau. Ich schaue in den Spiegel und zum ersten Mal gefällt mir, was ich sehe. Ich bin stolz auf diese Frau, die mich entschlossen anschaut. Es ist die Frau, die ich aus mir gemacht habe. Und ich bin glücklich darüber, dass da auch noch Gefühle sind, tief drin, die ich vor mir selbst nicht verstecken muss.
Eine Zeit lang suche ich das Vergessen in schnellen Beziehungen, spiele mit den Männern und lasse sie dann abblitzen. Versuche es mit Frauen. Langfristige Beziehungen scheitern an der Entfernung, Gewalt oder ungesunder emotionaler Abhängigkeit. Schliesslich bin ich bereit, allein zu bleiben, bis ich eines Tages endlich jemanden finde, der mich respektiert, der mir trotz Differenzen meine Ansichten und Rebellionen lässt. Und tatsächlich finde ich diese Person. Wir haben das Vertrauen, einander viel Zeit für uns selbst und ein individuelles Leben zu lassen.
Denn egal, ob es gute oder schlechte Entscheidungen sind, es sollten die eigenen Entscheidungen sein, die einen im Leben weiterbringen.
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