Ein besonderes Psychiaterleben
Paul Hoff: Arthur Kronfeld und die Identität der Psychiatrie

Ein besonderes Psychiaterleben

Book Review
Issue
2024/03
DOI:
https://doi.org/10.4414/sanp.2024.1416350072
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2024;175(03):68

Published on 06.02.2024

Und die Moral von der Geschicht’ –
Verrat’ ich diesmal nicht.
Dieses Motto, das sich der Rezensent ausgedacht hat, bezieht sich auf die Frage, was der Autor uns mit der Darstellung dieses besonderen Psychiaterlebens sagt und auch nicht sagt, nicht sagen kann. Schon im Vorwort auf Seite 7 erfahren wir, dass Kronfeld persönlich ein «trauriges Ende» genommen hat. Er suizidierte sich im Exil in Moskau 1941 zusammen mit seiner Frau, noch bevor der deutsche Angriff gegen Moskau ins Stocken geriet, mutmasslich im Zusammenhang mit der Judenverfolgung. Dieses Lebensende hat Gemeinsamkeiten mit anderen Fällen von brillanten Intellektuellen jener Zeit. Hoff vermeidet Spekulationen über die Motive des Suizids, vermutet aber immerhin, dass die Verfolgung ausschlaggebend war. Sollen wir denken, die Angst vor der Gewalt von Seiten fanatisierter Massen und das Fehlen eines sicheren Exils (das erste Exilland, die Schweiz, hat die Kronfelds nach einem Jahr ausgewiesen (S. 27)) hätten das Ehepaar zum Selbstmord getrieben?
Kronfelds Angsttheorie unterscheidet sich von derjenigen Freuds. Sie ist phänomenologisch orientiert und bezieht sich auf «jenes Geistige im Menschen […] das durch die Situation der Todesnähe herausgefordert, das mit dem Nichts konfrontiert wird» – in einer elementarischen Kontradiktion. Die Angst ist die Geburt der Selbstheit, des Geistes im Menschen, die Angst der vorauseilende Tod, das vorauseilende Nichts – nämlich die vorweggenommene Idee des Verlustes der Selbstheit. Zwischen Angst und Selbstheit lebt der wirkliche Mensch (S. 108–109). «Selbstheit»? – Hoff dazu: «er erklärte, dass «die Selbstheit der existierenden Person die Grundaufgabe unserer Wissenschaft ist und bleibt»» (S. 111). Diese Position eines Psychotherapeuten «im Kontext eines starken sozialpolitischen Engagements» (S. 111) lässt den Rezensenten etwas ratlos zurück. Gibt es vielleicht theoretisch eine Parallele zu Ludwig Binswangers «Fall Ellen West» – die anorektische Patientin suizidierte sich während eines anscheinend geglückten Urlaubs zuhause, und Binswanger interpretierte die Tat auf phänomenologisch-philosophische Art: «Wenn sie erst angesichts des Todes Trotz und Eigensinn, Ehrgeiz und Phantastik, ja ‹die Angst des Irdischen› überhaupt völlig von sich zu werfen vermag, wenn sie schon in der Nähe des Todes und erst recht angesichts desselben nicht nur zu sich selbst kommt, sondern auch wieder derart von sich selbst und der Welt loskommt, so gewahren wir auch hier wieder einen positiven Sinn des Nichts: Erst angesichts des Nichtseins steht Ellen West tatsächlich im Sein» [1].
Das Buch über Kronfeld und die Identität der Psychiatrie ist geschickt aufgebaut, indem die Darstellung der Person und des Werkes von Kronfeld durchsetzt ist mit neun Lebenswelten, Falldarstellungen mit Betonung kritischer Therapie-Situationen. So kommen Leser:innen nach der «Anstrengung des Begriffs» (s.u.) immer wieder auf das vertrautere Terrain der klinischen Situation. Die Lebenswelten 3 und 7 sind nicht klinische Fallbeispiele, sondern fiktive Streitgespräche über die Schizophrenie und die Psychiatrie im Allgemeinen zwischen Bleuler, Kraepelin, Freud und Jung, beziehungsweise zwischen Eugen Bleuler, Theodor Meynert, Karl Jaspers, Karl Leonhard, Thomas Szasz sowie einem Psychiatrieprofessor, einer Patientin und einem Studenten in einer Vorlesung. Es werden darin in amüsanter szenischer Darstellungsweise geschichtliche Momente aufgezeigt, die das Thema der Identität der Psychiatrie beleuchten – wichtige Protagonisten werden der wirklichen Geschichte ziemlich genau entsprechend auf die Bühne gebracht. In der Lebenswelt 7 kommen in der 3. Szene eine Patientin, ein Assistenzarzt und ein Professor, alle fiktiv, vor. Die Patientin wird in einem Hörsaal den Studenten vorgeführt und die Zwangsbehandlung wird thematisiert.
Wenn wir nach der «Moral von der Geschicht’» fragen, betreten wir das Feld der Berufsethik. Kronfeld war ganz Psychiater, wie auch der Buchautor Hoff, aber es geht bei der Psychotherapie um alle Fachleute, die Patienten behandeln. In den Fallvignetten schildert Hoff die Schwierigkeiten mit den Patient:innen, die keine Krankheitseinsicht haben oder Diskriminierung fürchten. Ein Bespiel einer Patientin, die ihre Diagnose von der Krankenkasse erfahren hatte, zeigt auf, was für Schwierigkeiten in der Arzt-Patientenbeziehung entstehen können, wenn es darum geht, wie man die «Krise», die «Krankheit», die «Störung» etc. benennen soll. Hoff hebt dabei hervor, dass die Diagnosestellung in der Psychiatrie besonderer Sorgfalt bedarf. «Die im Kontakt mit Patientinnen und Patienten stehenden Fachpersonen müssen sich […] der Komplexität und Wirkmächtigkeit gerade psychiatrischer Diagnosen bewusst sein. Insbesondere sind sie aufgefordert, einen verantwortungsvollen, dialogisch verankerten, diagnostischen Prozess sicher zu stellen» (S. 178).
Der Fall 8 (S. 146 ff.) ist ein schönes Beispiel einer dilemmatischen Situation, die in eine notfallmässige, wenn auch nicht gewaltsame Hospitalisation mündete (Zwangsmassnahme(n) als «Achillesferse der Psychiatrie», S. 150). Mit einer akut wahnkranken Person kann man nicht zu einer Einigung kommen; man ist unter Umständen, wie im betreffenden Fall, zum Handeln gezwungen. Beide Kontrahenten sind in dieser Situation unfrei. Wo bleibt dann die Autonomie, auf die die Therapeut:innen so grossen Wert legen und auf die die Patient:innen pochen? «Autonomie ist alles andere als ein selbsterklärendes Konzept. Sie ist sperrig, facettenreich und erfordert stets, in jeder neuen Entscheidungssituation, eine vertretbare, auf die betroffene Person bezogene Konkretisierung als Grundlage für das psychiatrische Handeln. Die «Anstrengung des Begriffs», wie es Hegel […] (1807) unübertrefflich verdichtet hat, wird uns nicht erspart bleiben, wollen wir Autonomie in der Psychiatrie nicht nur postulieren, sondern leben» (S. 150).
Die Philosophie in der Psychiatrie wird mit diesem Buch über Kronfeld in ihrer Bedeutung gewürdigt. Inwieweit die Synthese mit der Praxis, die mit den Fallgeschichten untermauert wird, gelingt, hängt gewiss auch von der besonderen beruflichen und allgemeinen Bildung beim Lesepublikum ab. Der Buchautor berücksichtigt diesen Punkt, indem er ausführlich und gut verständlich den Stoff in seiner Geschichtlichkeit und im Kontext der gegenwärtigen Debatten darstellt.
Die ungeklärte Geschichte des Suizids von Kronfeld regt zu weiterem «Philosophieren» an, aber Hoff gibt zu bedenken, dass da noch grosser Forschungsbedarf herrscht.
Interessant wäre vielleicht eine ergänzende, soziologisch und sozialpsychologische Diskussion der Materie. Da müsste man auf die Frage der Institution eingehen – ist doch der Suizid der Kronfelds in einer Monster-Bürokratie erfolgt, wo die Institutionalisierung und Bürokratisierung bis zum Terror-System gesteigert wurde. Dass dort die psychiatrischen Institutionen für die Kontrolle der ideologischen Gefolgschaft missbraucht wurden, ist angesichts der damals aktuellen Machtstrukturen nicht verwunderlich. Kein gutes Umfeld für einen kritischen Philosophen-Psychiater!
Paul Hoff: Arthur Kronfeld und die Identität der Psychiatrie
Denkwege vom 18. bis zum 21. Jahrhundert.
Stuttgart: Kohlhammer Verlag; 2023. 196 Seiten, EUR 40.00.
ISBN: 978-3-17-032994-2
1 Binswanger, L. Schizophrenie. Pfullingen: Neske Verlag; 1957. S. 136–7.