Eine konstruktive Krise
Vincenzo Di Nicola, Drozdstoj Stoyanov: Psychiatry in Crisis

Eine konstruktive Krise

Book Review
Issue
2023/06
DOI:
https://doi.org/10.4414/sanp.2023.1231284201
Swiss Arch Neurol Psychiatr Psychother. 2023;174(06):166

Published on 13.12.2023

Schon wieder eine Krise der Psychiatrie? Haben wir nicht genügend Krisen politischer, ökonomischer, ökologischer Art und sollten das ohnehin überlastete Fach nicht noch zusätzlich verunsichern? Doch geht es beiden Autoren nicht darum, die Psychiatrie grundsätzlich in Frage zu stellen, im Gegenteil: Sie fordern sie auf, sich den konzeptuellen Herausforderungen zu stellen, weil sie so gestärkt und nicht geschwächt werde.
Während D. Stoyanov von der wissenschaftstheoretischen Seite her untersucht, ob die Psychiatrie formal korrekte und inhaltlich sinnvolle Fragen stellt, konstatiert V. Di Nicola, das Fach verfüge nicht über ein konsistentes Menschenbild und verheddere sich daher ständig in der Diskussion darüber, in welcher Beziehung Person und psychische Erkrankung zueinander stünden. In jeweils eigenen Kapiteln entwickeln die Autoren ihre Position. Sodann treten sie in einen streckenweise kontroversen Dialog ein. Letztlich geht es um ein «Werkstattgespräch», was ich in Anbetracht der enormen Fülle angesprochener Themen für ein angemessen bescheidenes Format halte.
Ein Vorsichtshinweis: Wer eine enzyklopädische Bearbeitung psychiatrischer Grundsatzfragen erwartet, wird enttäuscht werden. Der Band enthält sehr viel Material, zahlreiche Querverweise von der Antike über Kant bis zur heutigen Neurowissenschaft sowie ein Bündel von Anregungen, in welche Richtung weiterzudenken sei. Aber er hält das Feld ausdrücklich offen und liest sich an manchen Stellen eher wie eine Anthologie von Argumenten als eine systematische wissenschaftliche Analyse. Er endet mit der Frage, ob es überhaupt eine Identität der Psychiatrie geben könne oder ob man damit nicht einer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Illusion erliege.
Wer ein Panoptikum von psychiatrischen Konzepten in verständlicher Weise vorgestellt bekommen möchte, wird hier fündig. Wer auf übersichtliches Faktenwissen aus ist und die Untiefen theoretischer Diskurse scheut, halte lieber Abstand. Da unser Fach aber auf offene Debatten ebendieser Fragen angewiesen ist, empfehle ich das Buch – sofern Leserin und Leser es als Arbeits- und nicht als Antwortbuch verstehen.
Vincenzo Di Nicola, Drozdstoj Stoyanov:
Psychiatry in Crisis: At the Crossroads of Social Sciences, the Humanities, and Neuroscience
Cham: Springer; 2021. 200 Seiten, EUR 90.00. ISBN 978-3-030-55139-1